10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa

AUFRUF

Mit diesen Lesungen soll besonders auf das Schicksal von inhaftierten und verschollenen Autoren und Menschenrechtlern wie Oleg Sentsov in Russland, Narges Mohammadi und Amirsalar Davoudi im Iran, Loujain Al-Hathloul in Saudi Arabien, Ahmet Altan in der Türkei und Wang Yi und Jian Rong in China sowie Razan Zaitouneh, Nazem Hammadi and Fayek El Meer in Syrien hingewiesen werden, denen diese Rechte aufgrund der jeweiligen politischen Umstände verwehrt werden. In Ägypten hat sich die Situation seit der Etablierung des neuen Regimes so verschlimmert, dass selbst renommierte Autoren wie Alaa al-Aswani nicht mehr publizieren können und weitestgehend im Ausland leben. Nicht zuletzt betonen wir den Protest gegen die Verhaftung von Julian Assange in London.

Am Abend des 10. Mai 2014 wurde der ukrainische Filmemacher Oleg Sentsov auf der kurz zuvor von Russland völkerrechtswidrig eingenommenen Krim festgenommen und am 25. August 2015 in Moskau zu 20 Jahren Straflager wegen Terrorismus verurteilt. Beweise hierfür gibt es nicht, wohl aber die Auskunft von Sentsov und Mitangeklagten, dass sie gefoltert wurden, um Geständnisse abzulegen.

Narges Mohammadi, Vizepräsidentin des Defenders of Human Rights Center und Sprachrohr der Gruppe Legam, wurde vom Revolutionsgericht des Iran im Mai 2016 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wird beschuldigt Propaganda gegen die Islami­sche Republik Iran verbreitet, Familien von politischen Gefangenen unterstützt und sich der Verschwörung gegen die nationale Sicherheit schuldig gemacht zu haben. Mohammadi trat Anfang 2019 trotz ihres bedrohlichen Gesundheitszustandes in einen Hungerstreik, weil der Kontakt zu ihren beiden Kindern nicht zugelassen wurde. Der Rechtsanwalt Amirsalar Davoudi wurde am 3. Juni 2019 zu 30 Jahren Gefängnis und 111 Peitschenhieben wegen angeblicher Beleidigung des religiösen Führers, Propaganda gegen den Staat und der Einrichtung eines Kanals auf dem Messengerdienst Telegram, auf dem er Menschenrechtsverletzungen kommunizierte,  verurteilt.

Ahmet Altan und fünf weitere türkische Journalisten wurden am 16. Februar 2018 – dem Tag von Deniz Yücels Entlassung – zu lebenslanger Haft verurteilt. Ahmet Altan prangerte wiederholt den Völkermord an den Armeniern und die Diskriminierung der Kurden an. Die zu diesem Zweck von ihm gegründete Zeitung Taraf wurde nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 per Regierungsdekret verboten. Am 5. Juli 2019 wurde diese Strafe aufgehoben, nach wie vor befinden sich aber 140 weitere Journalisten in diesem Land im Gefängnis.

Saudi-Arabien hat die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul zu verantworten. Loujain Al-Hathloul, eine Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, die aufgrund ihres Engagements für Frauenrechte bekannt wurde, ist ein weiteres Opfer. Am 15. Mai 2018 wurden sie und andere Aktivistinnen mit der Begründung festgenommen, dass sie versucht hätten, das Königreich zu destabilisieren. Seitdem ist Al-Hathloul in Gefangenschaft. Ihre Familie berichtet, dass sie gefoltert und sexuell belästigt wurde.

Der christliche Untergrundprediger Wang Yi ist am 9. Dezember 2018 zusammen mit seiner Frau Jiang Rong und anderen in Chengdu im Südwesten Chinas verhaftet worden, nachdem er jahrelang im Juni an das Tiananmen-Massaker von 1989 erinnerte und sich für Religionsfreiheit einsetzte. Seither ist unbekannt, wohin sie verschleppt wurden. Auch sein Rechtsanwalt wurde inhaftiert. Das Vorgehen gegen Wang Yi und die Anhänger der Herbstregen-Verbandskirche sind symptomatisch für das Agieren der chinesischen Regierung gegen unabhängige religiöse Praktiken. Beispiellos ist die systematische Verfolgung  der Millionen größtenteils muslimischer Uiguren in Xinjiang im Westen Chinas und der Buddhisten in Tibet.

Der australische Schriftsteller und Journalist Julian Assange, der im April 2019 in London verhaftet wurde, sitzt derzeit eine 50-wöchige Haftstrafe wegen Verletzung der Kautionsauflagen ab. Des Weiteren ist er mit einem Auslieferungsantrag der USA mit 17 Anklagen auf der Grundlage des US Pre World War I. Spionagegesetzes konfrontiert, einem Meisterwerk der politischen Verfolgung. Seine Auslieferung und der anschließende Prozess würden einen ernsthaften Präzedenzfall für alle etablierten und nicht etablierten Journalisten schaffen.

Razan Zaitouneh, eines der bekanntesten Gesichter des gewaltfreien Widerstandes im syrischen Bürgerkrieg, wurde am 9. Dezember 2013 aus dem Büro des von ihr gegründeten Violations Documentation Center entführt, in welchem sie der Aufgabe nachging, im Land geschehende Menschenrechtsverletzungen und Missbräuche zu dokumetieren. Ebenso der Menschenrechtsanwalt und Dichter Nazem Hammadi. Weitere Menschenrechtler sowie der an der Revolution für demokratischen Wandel und gegen den Totalitarismus des Regime Assads engagierte Fayek El Meer, Mitglied der Demokratischen Volkspartei in Syrien, wurden verhaftet. Von vielen fehlt seit jeher jede Spur.

Ägyptens Regime ist für das Massaker am 14. August 2013 in Rabaa Adawiyya im Osten Kairos verantwortlich, bei dem über 800 Menschen getötet wurden. 60.000 politische Gefangene sind derzeit in Haft, Hunderte sind zum Tode verurteilt worden. Aufgrund der Bedrohungen durch Militär und Justiz gehen Journalisten und Künstler wie der Autor Alaa al-Aswani ins Ausland.

Vor über 70 Jahren – am 10. Dezember 1948 – wurde die Allgemeine Erklärung der Menschen­rechte von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris verabschiedet. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist in Artikel 19 wie folgt verankert:

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu ver­breiten.

Wir rufen zur Beteiligung an der weltweiten Lesung auf. Dies kann privat in einem kleinen Kreis, in einer Schule, in einem Theater sein oder durch einen Radiosender erfolgen. Für die Lesung werden wir Ihnen eine Auswahl von Texten der genannten Inhaftierten zeitnah zukommen lassen. Am 1. August veröffentlichen wir diese zunächst auf dieser Website. Bitte senden Sie Informationen über die von Ihnen organisierte Lesung an worldwidereading@literaturfestival.com, damit wir die Veranstaltungen auf unseren Websites www.literaturfestival.com und www.worldwide-reading.com  kommunizieren können.